Nach den Landtagswahlen in Ostdeutschland hat sich Polizeiseelsorger Norman Roth mit der Frage beschäftigt: Wie sollen wir damit umgehen?
Es hat sich abgezeichnet. Und doch ist es schreckliche Realität geworden am 6. September: Eine rechtsextreme Partei hat die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt haushoch gewonnen, mit knapp 44%. Schockierend. Fast die Hälfte der WählerInnen hat für diese Partei gestimmt. Bei einer beachtlich hohen Wahlbeteiligung. Eine beängstigende Tendenz beschleicht seit ein paar Jahren unser Land. Warum nur?, frage ich mich. Vielfach sind Gründe von Fachleuten analysiert worden. Für mich ist die Problematik dahinter auch vielschichtig. Zwei Ursachen stehen für mich aber im Vordergrund: Eine zunehmende Verunsicherung bei den Menschen, gerade auch bei jungen Leuten. Wohin geht es? Wie wird alles? Was ist noch richtig und falsch? Und mit einer Empfänglichkeit für einfache, schnelle Antworten auf komplexe Probleme. Und dann politisch Verantwortliche, die es nicht vermögen, soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten in unserem Land wirklich zu lösen, sich dagegen in Parteiengezänk verstricken. Und es nicht schaffen, ihre Politik für jede und jeden verständlich zu erklären.
Nein, ich möchte mich hier nicht einreihen in die zahllosen Kommentare, die es schon jedweder Art zum Wahlausgang in Sachsen-Anhalt gegeben hat. Ich möchte den Blick über das rein (Partei-)Politische hinaus weiten. Die rechtspopulistische Partei möchte quasi Back to the roots, also zurück nach früher, wo scheinbar alles besser war: Heimat, Rollenklarheit, übersichtliche Gesellschaft usw. Für die Lösungen in der heutigen Zeit trägt das wenig aus, weil sich Gesellschaft und Welt weiterentwickelt haben. Und einfache Lösungen wird es nicht geben. Wenn wir Menschlichkeit, Freiheit und Vielfalt bewahren wollen. Die Gefahr ist groß, dass autokratisch, einengend und ausgrenzend sowie entgegen demokratischer, ethischer und christlicher Werte in Bildung, Kultur und polizeiliche Arbeit eingegriffen wird. Und vermehrte gewaltvolle Auseinandersetzungen in einer aufgeheizten Atmosphäre die Zahl von Polizei-Einsätzen steigern.
Nach dieser Wahl müssen wir als demokratisch, sozial-ethisch geprägte und vielleicht auch christlich überzeugte Menschen innerhalb und außerhalb der Polizeifamilie noch wachsamer werden für extreme und destruktive Tendenzen in unserer Gesellschaft. Damit wir uns allen nicht dauerhaft schaden. Wie könnte das aber gelingen? Was haben wir zu entgegnen?
Ich versuche mal, als Seelsorger bewusst christlich zu antworten: Anders als der rechtspopulistischen Partei tut es christlich orientierten Menschen erst recht in dieser Zeit gut, zurück zu den Wurzeln zu gehen. Quasi neu zur Graswurzel-Bewegung zu werden. Ohne dabei in Fundamentalismus abzurutschen. Zwei Gedanken sind mir dabei wichtig:
Zum einen: Wir sollen als ChristInnen vermehrt auf andere Menschen zugehen, wirklich Kontakt zu ihnen suchen, uns für sie und ihre kleinen und großen Probleme interessieren. Wir gewinnen Menschen für eine menschliche, ethisch-christliche Haltung, wenn wir uns auf sie einlassen, ihnen zuhören, ihre Themen aufnehmen und um das kümmern, was sie bewegt. Das hat die große Politik (und nicht die an der Basis) in den letzten Jahren wohl zu wenig getan.
Aber unsere Anfänge als Christenmenschen liegen bei Jesus, der umhergezogen ist. Der mitten unter den Menschen wie du und ich war, sich für sie interessiert hat, ihnen von Gott erzählt hat, ihnen weitergeholfen hat. Ich meine, wir müssen viel mehr noch unter die Menschen außerhalb unserer christlichen Wohlfühl-Bubble gehen, ihnen zuhören, auf sie eingehen; aber nicht mit vorschnellen gutgemeinten Ratschlägen oder frommen Holzhammer-Sprüchen. Wir müssen dorthin gehen, wo die Menschen schon sind. Mitten im Alltag oder dort, wo sie sich in ihrer Freizeit treffen. Uns um sie kümmern. Und ihnen von dem erzählen, was uns trägt, was uns guttut und was wir aus gutem Grund für gut halten. Polizistinnen und Polizisten sind tagtäglich viel unter allen möglichen Menschen. Und engagieren sich häufig außerhalb des Dienstes noch sozial z. B. in Vereinen, Verbänden oder der Kommunalpolitik. Sie sind mittendrin in unserer Gesellschaft. Eine gute Möglichkeit, trotz aller hässlichen und frustrierenden Erfahrungen nicht nur freiheitlich-demokratisch, sondern auch christlich Haltung und Flagge zu zeigen.
Zum anderen: Da ist das, was eine sehr alte christliche Hymne, „Ein feste Burg ist unser Gott“ (eine moderne Version unter: https://youtu.be/35LX1Fi5etE?list=RD35LX1Fi5etE) bis heute transportiert: Wir sind überzeugt davon, dass Gott das letzte Wort in dieser Welt hat. Wir sind überzeugt davon, dass er uns durch schwierige Zeiten trägt. Dass er uns die Kraft gibt, menschlich diese Welt zu gestalten, trotz aller Unmenschlichkeiten und Gewalt. Und damit auch im Kleinen bösen Tendenzen widerstehen zu können. Ja, wir müssen an die Grundfesten unseres Glaubens, an die Wurzel unseres Gottvertrauens gehen. Denn es könnte sein, dass es die nächsten Jahre in unserer Gesellschaft ans Eingemachte geht. Und dann ist es gut zu wissen, wo und wofür ich eigentlich stehe. Martin Luther und seinen AnhängerInnen hat dieses alte Lied im 16. Jahrhundert Vergewisserung und Kraft gegeben. Es ist gut, sich daran zu erinnern. Bis heute schafft es Klarheit und Vergewisserung in schwierigen Situationen und Auseinandersetzungen: Als es um die Jahrtausendwende an der Heidelberger Uni Studentenstreiks gegen die Einführung von Studiengebühren gab, hat sich ein Theologieprofessor, den ich bis heute sehr schätze in seinem Denken, in seiner Haltung, eine Vorlesungsstunde Zeit für die Anliegen von uns StudentInnen genommen. Er hat uns zugehört, hat versucht, zu verstehen, hat aber auch kritisch widersprochen. Es waren faire, aufmerksame und wertschätzende Diskussionen. Am Ende der ganz anderen Vorlesung hat er vorgeschlagen, zusammen „Ein feste Burg ist Gott“ anzustimmen. So ein altes Lied, dachte ich damals. Aber: Alle jungen Leute haben mitgesungen, laut. Ich bekam Gänsehaut. Wir wussten und waren uns einig, was über allen Diskussionen und Auseinandersetzungen stand.
Ja, wir werden als menschlich und vielleicht auch christlich gesinnte Menschen in Zukunft vermutlich mehr als sonst in den letzten Jahrzehnten gefordert sein, zu zeigen, für was und wen wir stehen.
Wir werden mehr und mehr aufgefordert sein, uns für eine menschliche, vielfältige und freie Gesellschaft stark zu machen. Nur gemeinsam werden wir das schaffen. Und gemeinsam mit Gottes Segen als Kraft- und Liebesquelle. Als Christenmenschen tragen wir nämlich dazu passend eine Farbe: himmelblau…
Wer möchte:
Hier noch ein passendes ermutigendes und stärkendes Lied: „Keinen Tag soll es geben“ >>
Herzlich
Norman Roth
Polizeiseelsorger Evangelische Kirche der Pfalz

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