
Pilgern als Aufbruch und Neubeginn
Spätestens seit Harpe Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ ist bei vielen die Faszination am Pilgern erwacht. Menschen machen sich mit dem nötigsten Gepäck auf den Weg und wandern oder radeln einem bestimmten Ziel, einem heiligen Ort entgegen.
In früheren Jahrhunderten war der Pilgerweg meist ein Bußgang. Jemand wollte durch seine Reise Vergebung für sich selbst erlangen oder lief den Weg stellvertretend für einen, vielleicht sogar schon verstorbenen, Angehörigen.
Während die geographischen Ziele des Pilgerns vor allem die drei heiligen Orte – Jerusalem, Rom oder Santiago de Compostela – waren, handelte es sich bei den religiösen Zielen um den Erlass göttlicher Strafen, die im Jenseits hätten drohen können.
Diese Denke ist den meisten von uns fremd. Für jene, die heute pilgern ist vor allem der Weg das Ziel. Natürlich will jede und jeder auch ankommen. Das gilt für die Tagesetappe ebenso wie für das Ziel am Ende. Aber wichtig sind vor allem die inneren und äußeren Erlebnisse während der Reise. Pilgern ist zur äußeren Form geworden, um einen inneren Entwicklungs- und Reifungsprozess anzustoßen. Längst sind daher auch in unserer Umgebung neue Pilgerwege ins Leben gerufen worden, die Menschen auch zu kleineren Wanderungen von wenigen Tagen motivieren.
Loslassen…
Sich auf den Weg zu machen, bedeutet wenigstens für eine kurze Zeit loszulassen, was uns bindet oder gar gefangen nimmt. Jedes Gramm im Gepäck muss transportiert werden. Deshalb ist es ratsam, nur das Notwendigste einzupacken.
Viele laufen allein los, um sich für einen begrenzten Zeitraum mal nur sich selbst und der Begegnung mit Gott auszusetzen. Manche lassen sogar ihr Handy zu Hause…
Sich dem Fluss des Lebens überlassen…
Unterwegs sein heißt, sich dem Fluss des Lebens zu überlassen. Wer begegnet mir auf der Reise? Was erlebe ich? Welche Hindernisse und welche Hilfen tun sich auf? Was erlebe ich mit allen Sinnen? Mein Blick wird klarer, die Beobachtung genauer und die Fähigkeit, das, was sich mir jetzt bietet, anzunehmen, zu genießen und auszukosten. Warme Sonnenstrahlen, eine heiße Dusche, ein guter Kaffee, der Eintopf am Abend.
Pilgern führt dazu, im Hier und Jetzt anzunehmen, was ist und sich vom Leben überraschen zu lassen.
Nach Innen pilgern…
Wer pilgern möchte, hat die Gelegenheit dazu immer und überall. Es braucht nicht zwangsläufig weite Wege. Auch wem die Zeit, das Geld fehlen, kann sich auf den Weg machen. Pilgern kann innerlich geschehen, wenn ich mich eine Zeit lang bewusst dafür entscheide. Denn ich kann für einen vorher festgelegten Zeitraum mein Leben bewusst als einen Pilgerweg beobachten. Ich bin ständig auf der Lebensreise.
Was sehe ich am Wegesrand? Wer begegnet mir? Mit welchen Schwierigkeiten habe ich zu kämpfen und wo werde ich unerwartet beschenkt? Kann ich mich an Einfachem freuen und unnötigen Ballast abwerfen oder wandere ich lieber mit einem Beiwagen voller Gepäck durch’s Leben? Was schenkt mir ein Gefühl von Freiheit und was blockiert mich?
Es ist wie beim tatsächlichen, äußeren Wandern: Je mehr ich loslasse, desto offener werde ich für den Moment, der sich gerade jetzt ereignet. Diese Offenheit kann meinen Blick auf die Gegenwart wandeln. Denn ich habe den Ballast quälender Erinnerungen ebenso abgeworfen wie die ständigen Sorgen um eine nach meinen Wünschen gestaltete Zukunft.
Pilgern ist Einstellungssache…
Deshalb wünsche ich Ihnen die richtige Einstellung, wohin auch immer Sie innerlich oder äußerlich reisen. Hauptsache, Sie sind unterwegs…
Mit vielen guten Wünschen für eine erfüllte Sommerzeit und mit herzlichen Grüßen auch von meinem Kollegen Patrick Stöbener.
Herzlichst Ihre,
Anne Henning (Polizeiseelsorgerin)
